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Vier sticht sechs Warum der M3 E30 keinen Sechszylinder bekam

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Schwarzer BMW M3 der Baureihe E30 in Dreiviertelansicht von vorn rechts, mit verbreiterten Kotflügeln und Heckflügel

Lizenziert · Riley (Christchurch) · CC BY 2.0

Der erste BMW M3 brach mit einer Erwartung, die bis heute fest zur Marke gehört: Unter seiner kantigen Haube arbeitete kein seidenweich laufender Reihensechszylinder, sondern ein rauer, hochdrehender Vierzylinder. Das war weder Sparmaßnahme noch Verlegenheitslösung. Der S14 entstand, weil BMW Motorsport keinen besonders schnellen 3er für die Straße bauen wollte, sondern einen möglichst erfolgreichen Tourenwagen, der auch eine Straßenzulassung besaß.

Wer an den BMW E30 denkt, hört häufig zuerst einen Sechszylinder. Insbesondere der 1985 eingeführte 325i prägte mit seinem 2,5 Liter großen M20B25 das Bild vom sportlichen Dreier: kultivierter Lauf, charakteristischer Klang und souveräne Leistungsentfaltung. Mit 171 PS war er das damalige Spitzenmodell der regulären Baureihe. Warum griff BMW Motorsport für den neuen M3 also nicht einfach zu diesem bekannten und prestigeträchtigen Antrieb?5

Die kurze Antwort lautet: weil der M3 eine andere Aufgabe hatte. Der M20 war für einen schnellen, kultivierten Straßenwagen entwickelt worden. Der Motor des M3 musste dagegen vor allem als Basis eines hochdrehenden, leichten und standfesten Rennmotors funktionieren. Unter diesem Lastenheft stach der Vierzylinder den Sechszylinder aus.

Erst Rennwagen, dann Straßenauto

Beim E30 M3 verlief die übliche Entwicklungslogik gewissermaßen rückwärts. Nicht eine vorhandene Serienlimousine wurde nachträglich für den Motorsport geschärft. BMW Motorsport konzipierte vielmehr einen Wettbewerbs-Tourenwagen und leitete daraus das notwendige Straßenmodell ab.1

Der Grund dafür hieß Gruppe A. Das Reglement verlangte für die Homologation eines Fahrzeugs mindestens 5.000 straßenzugelassene Exemplare innerhalb von zwölf aufeinanderfolgenden Monaten. Was später beim Händler stand, musste deshalb die technische Grundlage des Rennautos bilden. Entsprechend tief griff BMW in die Konstruktion des E30 ein: Karosserie, Aerodynamik, Achsen, Bremsen und Antrieb wurden auf den Wettbewerb zugeschnitten. BMW Motorsport übernahm nach eigener Darstellung kaum mehr als Dach und Türen vom Großserien-3er.2

Damit war auch die Motorenfrage keine Abstimmung über Klang, Laufruhe oder das Prestige der Zylinderzahl. Sie war eine nüchterne Entscheidung über Gewicht, Drehzahlfestigkeit und Entwicklungspotenzial.

Der KernDer M3 war kein aufgewerteter 3er, sondern ein Rennwagen mit Straßenzulassung. Die Motorenwahl folgte deshalb nicht dem Geschmack, sondern dem Reglement.

Warum vier Zylinder im Motorsport im Vorteil waren

Weniger Masse auf der Vorderachse

Ein Reihenvierzylinder ist kürzer und leichter als ein vergleichbar konstruierter Reihensechszylinder. Beim frontmotorisierten E30 bedeutete das weniger Masse im Vorderwagen und eine kompaktere Antriebseinheit. Beides half dem Einlenkverhalten, reduzierte die Massenträgheit um die Hochachse und unterstützte jene Agilität, die später zu einem Markenzeichen des M3 wurde.

Dieser Vorteil darf nicht auf die simple Formel „vier Zylinder sind immer besser als sechs“ verkürzt werden. Entscheidend ist der Einsatzzweck. Für Komfort, Laufruhe und elastische Leistungsabgabe besitzt ein Reihensechszylinder große Qualitäten. Im homologationsgetriebenen Tourenwagenbau zählt jedoch jedes Kilogramm — besonders, wenn es vor der Fahrgastzelle und damit weit vom Fahrzeugschwerpunkt entfernt sitzt.

Die kürzere Kurbelwelle vertrug mehr Drehzahl

Noch wichtiger war die Kurbelwelle. BMW begründete die Entscheidung seinerzeit ausdrücklich damit, dass die längere Welle des Sechszylinders bei steigender Drehzahl früher zu Schwingungen neigte. Die kürzere Kurbelwelle des Vierzylinders ließ sich torsionssteifer auslegen. Der Kurbeltrieb des S14 wurde nach BMW-Angaben für Drehzahlen von 10.000/min und mehr dimensioniert.4

Das bedeutete nicht, dass der Serien-M3 bis 10.000/min drehte. Seine Nennleistung lag bei 6.750/min an. Die konstruktive Reserve war für den Motorsport jedoch Gold wert: Schon die erste 2,3-Liter-Rennversion leistete bis zu 300 PS bei 8.200/min, während das Straßenauto 200 PS bot. Hohe Drehzahlen ermöglichten hohe Leistung aus begrenztem Hubraum, ohne auf einen Turbolader angewiesen zu sein.

Motorraum eines BMW M3 E30 mit S14-Vierzylinder und Ventildeckel mit der Aufschrift BMW M Power
Der S14B23 im Motorraum eines M3 E30 — zwei obenliegende Nockenwellen, vier Ventile je Zylinder, Einzeldrosselklappen · Foto: Beemwej, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Große Bohrung, vier Ventile und freier Gaswechsel

Mit 93,4 Millimetern Bohrung und 84 Millimetern Hub war der S14B23 kurzhubig ausgelegt. Die große Bohrung schuf Platz für vier Ventile je Zylinder; der vergleichsweise kurze Hub hielt die mittlere Kolbengeschwindigkeit bei hoher Drehzahl im Zaum. Zwei obenliegende Nockenwellen und Einzeldrosselklappen sorgten für einen direkten Gaswechsel und ein spontanes Ansprechverhalten.

Für einen Rennmotor ist diese Kombination besonders attraktiv: Ein großer Ventilquerschnitt unterstützt die Zylinderfüllung bei hohen Drehzahlen, die Einzeldrosseln verkürzen den Weg vom Fahrerbefehl zur Laständerung, und der kompakte Kurbeltrieb bleibt beherrschbar. Der S14 war deshalb nicht nur leichter als eine Sechszylinder-Alternative — sein gesamtes Konzept passte besser zur angestrebten Literleistung.

Ausbaureserve bis 2,5 Liter

Auch als Evolutionsbasis erwies sich der Vierzylinder als treffende Wahl. Aus den zunächst 2.302 cm³ wurden im M3 Sport Evolution 2.467 cm³. Die Straßenversion erreichte damit 238 PS. Die Änderungen dienten nicht nur dem Verkauf eines stärkeren Sondermodells, sondern homologierten die Weiterentwicklung für den Wettbewerb. Der S14 konnte somit innerhalb des relevanten Hubraumbereichs wachsen, ohne seine grundlegenden Vorteile aufzugeben.3

Die Motorbasis: M10 unten, M88-Idee oben

Die Herkunft des S14 wird oft mit einem griffigen Satz erklärt: M10-Block plus abgesägter M1-Zylinderkopf. Das trifft die Familiengeschichte, ist technisch aber erklärungsbedürftig.

Die konstruktive Basis des Kurbelgehäuses lag in BMWs langlebiger M10-Vierzylinderfamilie beziehungsweise im damaligen Zweiliter-Serienvierzylinder. Diese Grauguss-Grundarchitektur hatte ihre Robustheit über Jahrzehnte bewiesen und war längst im Motorsport angekommen. Aus derselben Motorenfamilie waren auch extreme Renntriebwerke hervorgegangen — bis hin zum aufgeladenen BMW-Formel-1-Motor M12/13. Der S14 war deshalb kein gedrosselter Formel-1-Motor, profitierte aber von einer außerordentlich erprobten Grundidee.

Für den Zylinderkopf griff Paul Rosches Team auf die Vierventiltechnik des M88-Reihensechszylinders aus dem BMW M1 zurück. Der gemeinsame Zylinderabstand machte die Übertragung der Brennraum- und Kanalgeometrie auf vier Zylinder möglich. Rosche beschrieb den Vorgang später bildhaft so, man habe vom M88-Kopf zwei Brennräume „abgeschnitten“ und die Rückseite verschlossen. Gemeint ist die konstruktive Ableitung: Der S14 erhielt einen eigenständigen Vierzylinderkopf, dessen Architektur eng mit dem M88 verwandt war — keinen in der Serienfertigung buchstäblich zurechtgesägten M1-Kopf.4

Genau diese Verbindung machte den S14 besonders: ein bewährtes, steifes Grauguss-Unterteil aus der großen BMW-Vierzylindertradition, darüber ein moderner Leichtmetall-Vierventilkopf nach dem Prinzip des M1-Motors. Der neue Motor entstand der Überlieferung nach in nur 14 Tagen als erster Prototyp. Bis zur Serienreife folgte selbstverständlich eine wesentlich längere Erprobung.

Woher der Name dieser Seite kommtGenau diese Verbindung — Vierzylinderblock unten, Sechszylinder-Denken oben — ist der Grund, warum s14.de so heißt. Mehr dazu steht unter Über uns.

M20B25 und S14B23: zwei Motoren, zwei Lastenhefte

Der Vergleich zeigt, warum die Entscheidung nicht als Abwertung des M20 gelesen werden sollte. Der M20B25 war mit 2,5 Litern Hubraum kultiviert und für seine Zeit kräftig. Seine Einzelnockenwelle und zwölf Ventile waren jedoch auf ein anderes Drehzahl- und Komfortfenster ausgelegt. Ihn für die angepeilte Rennleistung umzubauen hätte nicht nur einen neuen Zylinderkopf erfordert. BMW hätte weiterhin die längere, bei sehr hohen Drehzahlen anspruchsvollere Kurbelwelle sowie zusätzliches Gewicht im Vorderwagen in Kauf genommen.

Freistehender BMW M20 Reihensechszylinder auf einem Ausstellungssockel im BMW Museum
Der M20 als Ausstellungsstück im BMW Museum — eine obenliegende Nockenwelle, zwölf Ventile, längere Kurbelwelle · Foto: Tor635, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
MerkmalM20B25 im E30 325iS14B23 im E30 M3
BauartReihensechszylinderReihenvierzylinder
Hubraum2.494 cm³2.302 cm³
Ventiltriebeine obenliegende Nockenwelle, 2 Ventile je Zylinderzwei obenliegende Nockenwellen, 4 Ventile je Zylinder
Leistung bei Markteinführung171 PS bei 5.800/min200 PS bei 6.750/min
Charakterkultiviert, elastisch, straßenorientiertdrehfreudig, direkt, wettbewerbsorientiert
HauptaufgabeSpitzenmotor der GroßserieHomologationsbasis für Gruppe A
Europäische Ausführungen zum Zeitpunkt der Markteinführung.

Der S14 bot bereits in der Straßenausführung trotz geringeren Hubraums 29 PS mehr als der damalige 325i ohne Katalysator. Auf der Rennstrecke wuchs die Leistung der 2,3-Liter-Version auf rund 300 PS. Seine Stärke lag allerdings nicht allein in der Zahl auf dem Prüfstand, sondern im Gesamtpaket: wenig Masse, kompakte Abmessungen, hohe Drehzahlfestigkeit, scharfer Gaswechsel und genügend Reserven für mehrere Evolutionsstufen.

Vier sticht sechs — aber nur, weil die Rennstrecke die Karten gab

Der Reihensechszylinder gehört zu BMW wie die Niere an die Front. Gerade deshalb wirkt der Vierzylinder im ersten M3 bis heute wie ein Regelbruch. Tatsächlich war er das Gegenteil: die konsequenteste Umsetzung der Regeln, unter denen der E30 M3 antreten sollte.

Der M20 hätte den M3 vermutlich kultivierter, sonorer und im Alltag geschmeidiger gemacht. Der S14 machte ihn zum besseren Homologationsauto. Seine geringere Masse entlastete den Vorderwagen, die kurze Kurbelwelle schuf Drehzahlreserven, und die Verbindung aus M10-basierter Vierzylinder-Grundarchitektur und M88-inspirierter Vierventiltechnik lieferte eine belastbare Basis für den Wettbewerb.

So erklärt sich auch der Charakter des ersten M3: Er war nicht der luxuriöseste oder klangvollste E30, sondern der kompromissloseste. Der Vierzylinder war kein Verzicht auf zwei Zylinder. Er war die technische Voraussetzung dafür, dass aus dem E30 einer der erfolgreichsten Tourenwagen seiner Epoche werden konnte.

Technische Eckdaten des S14B23

  • 2.302 cm³ Hubraum
  • 93,4 mm Bohrung × 84,0 mm Hub
  • Reihenvierzylinder mit Graugussblock und Leichtmetall-Zylinderkopf
  • zwei obenliegende Nockenwellen, vier Ventile je Zylinder
  • elektronische Einspritzung und Einzeldrosselklappen
  • 200 PS bei 6.750/min in der frühen Straßenversion
  • 240 Nm maximales Drehmoment
  • bis zu 300 PS bei 8.200/min in der ersten 2,3-Liter-Rennversion

Quellen und redaktionelle Hinweise

Leistungsangaben beziehen sich auf die jeweils genannten europäischen Ausführungen. Je nach Baujahr, Markt, Abgasreinigung und Homologationsstand existieren abweichende Werte.

  1. BMW PressClub: Die Geschichte einer Ausnahme — der BMW M3 wird 25 (9. Juli 2010)
  2. BMW PressClub: The Champion in Touring Car Racing (27. April 2012)
  3. BMW M: Der BMW M3 E30 — Klassengründer und ewiger Maßstab
  4. BMW M: Legendäre Motoren der BMW M GmbH — Abschnitt „S14 im BMW M3 E30″
  5. BMW Group Classic: BMW 325i (E30)

Text: Sven H.. Redaktionelle Bearbeitung, Faktenprüfung und Bildauswahl: s14.de. Alle Quellen am 9. August 2026 abgerufen und gegengelesen.

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