Für ein und dasselbe Auto nennt die zeitgenössische Fachpresse drei verschiedene Leistungen. sport auto testete im Mai 1986 einen Hartge H35-24 mit 286 PS. auto motor und sport stellte ihn im Heft 8/1988 mit 300 PS gegen den M1 und den hauseigenen H7-24. rallye racing fuhr ihn mit 330 PS.
Das ist kein Fehler der Sekundärliteratur, der sich über die Jahre eingeschlichen hat. Der Widerspruch steckt in den Originalquellen selbst — und er erklärt sich, sobald man versteht, wie Hartge gearbeitet hat: nicht als Hersteller einer definierten Baureihe, sondern als Werkstatt, die jeden Motor einzeln aufbaute und jedes Teil auch einzeln verkaufte. Genau daraus entsteht bis heute das größte Problem beim Kauf eines Hartge.
Beckingen, Saarland
Herbert Hartge gründete das Unternehmen 1971 in Merzig; seit 1974 arbeitete es in Beckingen im Landkreis Merzig-Wadern. Hartge kam aus dem Rennsport — Siege mit dem BMW 2002 auf der Rundstrecke und am Berg. Ob er das Unternehmen allein gründete, ist nicht eindeutig: Wikipedia nennt ihn als einzigen Gründer, FCP Euro spricht von drei Gründern (Herbert, Andreas und Rolf Hartge), RM Sotheby’s von den „Hartge brothers“.
Das Team Hartge fuhr 1983 und 1984 in der Tourenwagen-Europameisterschaft. Francis Dosières gewann auf einem Hartge-M3 die Europa-Bergmeisterschaft 1989, 1990, 1992 und 1993; Jean-Michel Martin wurde 1990 belgischer Procar-Meister. Der Motorsport war bei Hartge kein Marketing-Anhängsel, sondern Ausgangspunkt.

1985: Hartge wird Hersteller — und das hat Folgen für die Papiere
Seit 1985 war Hartge vom Kraftfahrt-Bundesamt anerkannter Automobilhersteller. Von da an trug ein in Beckingen aufgebautes Fahrzeug ein Hartge-Typschild anstelle des BMW-Schilds — und eine eigene Fahrgestellnummer.
Das ist der Punkt, an dem sich beim Kauf alles entscheidet, und er lässt sich belegen. Zwei Fahrgestellnummern aus Auktionskatalogen von RM Sotheby’s:
| Fahrzeug | Fahrgestellnummer |
|---|---|
| Hartge F1 (1988) | W09F10X01HBH06116 |
| Hartge Compact V8 4.7 (1997) | W09C47X06XBH06165 |
Steht in den Papieren dagegen eine BMW-Nummer, die mit WBA oder WBS beginnt, ist es kein Hartge-Komplettfahrzeug im Rechtssinn — sondern ein BMW mit Hartge-Teilen. Das kann ein hervorragendes Auto sein. Es ist nur etwas anderes, und der Markt bezahlt es auch anders.
FCP Euro beschreibt zusätzlich eine handgeschlagene Nummer hinter dem linken Scheinwerfer, die Hartge nach Fertigstellung anbrachte. Handgeschlagene Ziffern lassen sich nicht als Zubehörteil nachkaufen — anders als jedes Emblem, jeder Schriftzug und jeder Radsatz.
Der Beleg, dass der Markt den Unterschied kennt
Ein 635 CSi mit der BMW-Fahrgestellnummer WBAEC710518173547 wurde von RM Sotheby’s im Juni 2020 als „modified to Hartge H6SP specification“ verkauft — für 55.000 Euro. Im April 2021 stand dasselbe Auto erneut im Katalog, diesmal mit dem ausdrücklichen Satz, es lasse sich nicht bestätigen, ob der Hartge-Umbau seinerzeit erfolgte. Es blieb unverkauft.
Dasselbe Fahrzeug, dieselbe Substanz, ein offen benannter Zweifel — und kein Zuschlag. Deutlicher lässt sich der Wert einer lückenlosen Provenienz kaum belegen.
Die Idee: großer Motor, kleine Karosserie
ALPINA baute schnelle Reisewagen, AC Schnitzer verkaufte abgestimmte Teilepakete. Hartge machte etwas Drittes: Das Unternehmen drehte BMWs eigene Modellhierarchie um. Der große Sechszylinder aus dem 5er oder 6er wanderte in den kompakten E30, später der V8 aus dem M5 in den E46 und der V10 aus dem E60 M5 in den E90.

| Modell | Basis | Motor | Leistung | Anmerkung |
|---|---|---|---|---|
| H23 | E30 323i | 2,3 l R6 | 170 PS | Vorstellung in sport auto 4/1983 |
| H26 | E30 | 2,5 l R6 | 190 PS | zwei Ausführungen belegt |
| H27 / H27 SP | E30 | 2,7 l R6 | 210 / 220 PS | SP mit Einzeldrosselklappen |
| H35 | E30 | 3,5 l M30 | 250 PS | ohne Vierventilkopf |
| H35-24 | E30 / E30 M3 | 3,5 l 24V (M88/3 bzw. S38) | 286–330 PS | siehe unten |
| H5S | E28 535i | 3,4 l M30 | nicht ermittelt | nur fünf in die USA importiert |
| H5 V12 | E34 | M70/S70 V12 | 326 PS | amS 15/1989 gegen den M5 E34 |
| H6SP | E24 635CSi | R6 | ca. 190 kW | Angabe aus Auktionskatalog |
| H7-24 | E32 750i | V12 | 330 PS | amS 8/1988 |
| Compact V8 4.7 | E36 Compact | 4,7 l V8 | — | zwei Exemplare, 146.000 DM Umbaukosten |
| H50 V8 | E46 | 4,9 l S62 | 394–444 hp | nicht mehr als 20 Stück, 2001–2006 |
| H50 V10 | E90 | 5,0 l S85 | 550 PS | 10 Limousinen |
Achtung bei „H50“: Die Bezeichnung steht für zwei völlig verschiedene Autos. Der H50 V8 auf E46-Basis bekam den S62 aus dem E39 M5; autoevolution nennt nicht mehr als 20 Fahrzeuge zwischen 2001 und 2006 und einen Einstiegspreis von 106.700 Euro. Der H50 V10 auf E90-Basis kam später und bekam den S85. Wer nach Stückzahlen sucht, muss zuerst klären, von welchem der beiden die Rede ist.
Die 286-300-330-Frage, aufgelöst
Die plausibelste Erklärung steht in den Quellen selbst, wenn man sie nebeneinanderlegt. 286 PS ist die Serienleistung des M88/3, wie er im E28 M5 und im M635CSi lief. 330 PS ist die Hartge-Ausbaustufe — Brussels Oldtimers nennt beide Werte ausdrücklich nebeneinander, MCP Motorsport beschreibt die Technik dazu: Verdichtung 10,7:1, Hartge-Nockenwellen, bearbeiteter Zylinderkopf, modifizierte Bosch Motronic. Die 300 PS im amS-Vergleich von 1988 liegen dazwischen und lassen sich ohne das Originalheft nicht sicher zuordnen.
Auch die Motorbezeichnung schwankt: M88/3 bei supercars.net und Brussels Oldtimers, S38B35 bei e30zone. Supersprint führt die Anwendung schlicht als „Hartge E30 H35-24 (M88 / S38 engine)“ — was der ehrlichste Umgang damit sein dürfte, denn es ist derselbe Motor in zwei Ausführungen.
Zur Stückzahl nennen zwei Quellen die Zahl sechs — aber für unterschiedliche Sachverhalte: einmal „nur sechs auf M3-Basis“ (Brussels Oldtimers, mit dem ausdrücklichen Zusatz, das lasse sich offiziell nicht bestätigen), einmal „sechs im Jahr 1985 mit dem M88/3“ (supercars.net). Eine belastbare Gesamtstückzahl des H35-24 über alle Baujahre existiert öffentlich nicht.
Und noch eine Kleinigkeit, die überall falsch steht: Das typische Hartge-Rad ist keine Kreuzspeiche. Die Quellen beschreiben ein Vielspeichenrad, von BBS für Hartge gefertigt — FCP Euro und e30zone nennen elf Speichen, der BMW Car Club GB spricht von zehn. Die heute erhältlichen Nachfolgedesigns heißen „Hartge Classic I“ und „Classic 2“.

Was der Markt zahlt
| Datum | Plattform | Fahrzeug | Ergebnis |
|---|---|---|---|
| 24.01.2018 | Bring a Trailer | 1985 Hartge H5S, 194.000 km | 48.500 US-$ — nicht verkauft |
| Juni 2020 | RM Sotheby’s | 1988 Hartge F1 (Mercedes 300E mit BMW-M88) | 72.600 € |
| Juni 2020 | RM Sotheby’s | 1997 Hartge Compact V8 4.7, unter 37.500 km | 42.900 € |
| Juni 2020 | RM Sotheby’s | 1983 635CSi „auf H6SP-Spezifikation modifiziert“ | 55.000 € |
| April 2021 | RM Sotheby’s | dasselbe Fahrzeug, Umbauzeitpunkt unbestätigt | nicht verkauft |
| 02.02.2023 | Bring a Trailer | 2006 325i Hartge H50 V10, 38.000 Meilen | 58.500 US-$ |
| 10.10.2025 | Collecting Cars | 1988 Hartge H27 (E30), 15.068 km | ca. 16.225 £ |
Ein Preisindex lässt sich daraus nicht bauen, und wer einen anbietet, überschätzt seine Datenbasis. Die öffentlichen Verkäufe sind zu wenige und die Fahrzeuge zu verschieden. Was sich ablesen lässt: Ein dokumentiertes Komplettfahrzeug erzielt ein Vielfaches der BMW-Basis, ein Umbau mit unklarer Historie dagegen findet nicht zuverlässig einen Käufer.

Prüfpunkte vor dem Kauf
- Fahrgestellnummer. W09…BH0… oder eine BMW-Nummer? Das ist die erste und wichtigste Frage.
- Typschild. Hartge-Motorsport-Schild oder BMW-Schild?
- Handgeschlagene Nummer hinter dem linken Scheinwerfer.
- Papiere. Originalrechnung, Hartge-Broschüre, Serviceunterlagen, zeitgenössische Fotos. Die Auktionsbeschreibungen der erfolgreich verkauften Autos führen genau das auf.
- Ersatzteillage. Supersprint fertigt die originalen Hartge-Abgasanlagen weiterhin auf Bestellung. Für Motorinnenteile der Sonderausbaustufen gilt das nicht.
Ein zentrales Produktionsarchiv gibt es nicht, und ein offizielles Hartge-Register haben wir nicht gefunden. Das macht die Fahrzeugpapiere zur einzigen belastbaren Auskunft.
Juli 2019
Im Juli 2019 wurde die Herbert Hartge GmbH & Co. KG liquidiert. Der Registereintrag vom 29. Dezember 2019 (HRA 61484, Amtsgericht Saarbrücken) lautet: „Die Liquidation ist beendet; die Firma ist erloschen.“
Es war eine Liquidation, kein Insolvenzverfahren — das ist der Wortlaut in beiden Quellen. autoevolution schreibt von „financial difficulties“; dafür haben wir keinen Registerbeleg gefunden. Was aus Firmenarchiv und Markenrechten wurde, ist uns nicht bekannt.
Wie ALPINA innerhalb derselben Baureihen gearbeitet hat, steht im Beitrag über ALPINA aus Buchloe. Wo Veredler-Fahrzeuge im heutigen Marktgefüge stehen, ordnet der Beitrag zum Werterhalt klassischer BMW ein.
Quellen
- Wikipedia — Herbert Hartge (Unternehmen) (Gründung, Rennsport, KBA-Anerkennung 1985, Liquidation, H50 V10)
- North Data — Herbert Hartge GmbH & Co. KG (Registereintrag 29.12.2019, HRA 61484)
- RM Sotheby’s — 1988 Hartge F1 und 1997 Hartge Compact V8 4.7 (Fahrgestellnummern W09…)
- RM Sotheby’s — 635CSi H6SP, Juni 2020 und dasselbe Fahrzeug, April 2021
- FCP Euro — Hartge H26 E30 (handgeschlagene Nummer, Einzelteilverkauf, BBS-Räder)
- MCP Motorsport — Hartge H35-24 (Technik des 330-PS-Ausbaus, Preise über Birds of Amersham)
- Brussels Oldtimers — Hartge H35-24 (286 gegen 330 PS, Stückzahlvorbehalt)
- supercars.net — Hartge H35-24 und e30zone Wiki — Hartge
- autoevolution — Hartge H50 V8 (E46)
- evo — Hartge H50 V10, Fahrbericht 21.03.2006
- Heftnachweise über autotestversand: sport auto 4/1983 und 5/1986, auto motor und sport 8/1988 und 15/1989, rallye racing 9/1989
- Marktdaten: classic.com, The Classic Valuer, Collecting Cars, Artcurial — Abruf 08.08.2026
Nicht ermittelt: die Gesamtstückzahl des H35-24, der Unterschied zwischen H35-24 und H35-24 S, die genauen Kernaussagen der zeitgenössischen Tests (die Hefte liegen uns nur als Nachweis vor, nicht im Volltext) und der Verbleib des Firmenarchivs. Wer Werksunterlagen, Rechnungen oder Hefte dazu hat: Schreib uns — wir arbeiten Belege ein und nennen die Quelle.
