Sechshundert Autos, zwei Farben — fast. In den Werksunterlagen stehen 394 Glanzschwarze, 204 Brillantrote und zwei Wagen, bei denen der Farbschlüssel nur „Sonderlackierung“ sagt. Beide sind mit Fahrgestellnummer bekannt. Welche Farbe sie trugen, ist es bis heute nicht.
Und dann gibt es diesen hier: einen Sport Evolution in Mauritiusblau. Er gehört zu keiner der beiden Ausnahmen — und ist trotzdem echt. Seine Geschichte erklärt, warum ein Fahrzeug der Werksstatistik widersprechen kann, ohne sie zu widerlegen.
Ein Unfall vor der ersten Zulassung
Bestellt hatte der Kunde einen Sport Evolution in Glanzschwarz, und so verließ das Fahrzeug mit der Fahrgestellnummer AC79200 auch das Werk. Auf dem Weg zum Händler stürzte es vom Transporter — der Schaden war so schwer, dass eine Instandsetzung ausschied. Der Händler baute den Wagen auf einer fabrikneuen Rohkarosserie neu auf, diesmal in Mauritiusblau Metallic, im BMW-Farbprogramm die 287. Beim Kunden kam damit ein blaues Auto an, wo ein schwarzes bestellt war. Eine Dokumentation darüber liegt dem Fahrzeug bei.
Damit steht ein Sport Evolution auf der Straße, den es so nie gegeben hat und der trotzdem in jeder Hinsicht echt ist: Motor, Getriebe, Karosseriebasis und Ausstattung stammen aus derselben Serie wie bei den anderen 599. Nur der Lack kam später — und von derselben Werkstatt, die den Wagen ausgeliefert hätte.
Der Tacho zeigt 115.855 km. Die Plakette „Sport Evolution 1990 · BMW Motorsport GmbH“ sitzt unversehrt an der Mittelkonsole, dort, wo sie hingehört. Anfang 2019 verkaufte MOTORSPORT24 den Wagen innerhalb Norwegens; dort steht er bis heute.


Was das Werk gebaut hat
Die Zahlen stammen aus originalen BMW-Unterlagen. Jede der drei Aufschlüsselungen ergibt exakt 600 — drei unabhängige Summen treffen sich nicht zufällig.
| Lackierung | Schlüssel | Stück |
|---|---|---|
| Glanzschwarz | U 668 („Schwarz II“) | 394 |
| Brillantrot | 308 | 204 |
| Sonderlackierung | U 490 | 2 |
| Summe | 600 |
| Polsterung | Code | Stück |
|---|---|---|
| Stoff Anthrazit, Motorsport-Design | 0316 | 318 |
| Leder Schwarz | 0353 / 0393 | 280 |
| Sonderpolsterung | 9990 | 2 |
| Summe | 600 |
| Auslieferung | Stück | Anteil |
|---|---|---|
| Bundesrepublik | 369 | 61,5 % |
| Italien | 68 | 11,3 % |
| Frankreich | 62 | 10,3 % |
| England / Irland | 46 | 7,7 % |
| Spanien | 30 | 5,0 % |
| Belgien | 17 | 2,8 % |
| Skandinavien | 8 | 1,3 % |
| Summe | 600 | 100 % |
Sechs Fahrzeuge fielen aus dem Rahmen und sind in den 600 enthalten: ein Entwicklungsfahrzeug ohne Konservierung, das als Stand- und Fotowagen diente und eine Sonderkontrolle durchlief, zwei Pressewagen, ein Wagen mit Autotelefon und Dachantenne auf Sonderwunsch und zwei mit Sonderwunschausstattung.
Die zwei Sonderlackierungen
Anders als oft behauptet sind die beiden Ausnahmen nicht anonym. Die Produktionsdatenblätter benennen sie:
| FIN | Farbschlüssel | Polster | Produktion |
|---|---|---|---|
| AC79566 | U 490 Sonderlackierung | 0393 Schwarz Leder | 21.02.1990 |
| AC79578 | U 490 Sonderlackierung | 0316 Anthrazit Motorsport-Design | 20.02.1990 |
| AC79588 | U 668 Schwarz II | 9990 Sonderpolsterung | 23.02.1990 |
| AC79589 | U 668 Schwarz II | 9990 Sonderpolsterung | 22.02.1990 |
Beide Sonderlackierungen gingen in die Bundesrepublik, einer mit Leder, einer mit Stoff. Alle vier Fahrzeuge tragen den Typschlüssel 1007 und stammen aus derselben Februarwoche 1990. AC79578 hat zusätzlich den Sonderwunsch 320A Modellschriftzug entfällt — ein Auto ohne Typbezeichnung am Heck, in einer Farbe, die das Werk sonst nicht lieferte.
Welche Farbe das war, steht nirgends. Der Schlüssel U 490 bedeutet nur: Sonderlackierung. In der Szene gelten die beiden als weiß — belegt ist das nicht, und solange es das nicht ist, schreiben wir es auch nicht.
AC79200, der blaue Wagen, ist keiner von beiden. Er ist einer der 394 Glanzschwarzen — die Neulackierung fand nach der Werkserfassung statt. Für die Praxis heißt das: Wer einen Sport Evolution in einer dritten Farbe sieht, hat mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Nachlackierung vor sich. Die Frage ist dann nicht „echt oder nicht“, sondern „dokumentiert oder nicht“ — und genau das entscheidet über den Wert.
Die zwei Sonderpolsterungen
AC79588 und AC79589 tragen den Polstercode 9990 — Sonderpolsterung, ohne weitere Angabe. Beide sind Glanzschwarz, beide aus derselben Woche. Was in den Autos saß, ist offen. Zwei Erklärungen sind im Umlauf, keine davon ist bestätigt:
- Teilledersitze. Sitzflächen in M-Stoff mit Seitenwangen aus Leder — eine Kombination, die es beim M3 gab, aber nicht in der Sport-Evolution-Aufpreisliste.
- Die aufpreispflichtigen Recaro-Sportsitze, die im E30 der achtziger Jahre bestellbar waren — also nicht die extrem ausgeformten Sitze des Sport Evolution.
Wer eines der beiden Fahrzeuge kennt oder Bilder aus erster Hand hat, kann die Frage entscheiden.
Woran ein Sport Evolution zu erkennen ist
Wenn der Lack keine Auskunft mehr gibt, muss der Rest sprechen. Der Sport Evolution trägt genug Merkmale, die kein anderer M3 hat.
Der Motor — das härteste Merkmal
Jede Ausbaustufe des S14 trägt eine eigene Kennung. Sie lässt sich nicht umlackieren und nicht nachrüsten:
| Kennung | Ausführung | Modell |
|---|---|---|
| 234EA | 195 PS mit Kat, 200 PS ohne Kat | M3 Serie und Evolution 1987 |
| 234S2 | 215 PS, mit Kat | Cecotto und Ravaglia |
| 234S1 | 220 PS, ohne Kat | Evolution II |
| 254S1 | 238 PS | Sport Evolution |
| 204EA | 2,0 Liter | 320is |
Steht auf dem Motor eines angeblichen Sport Evolution nicht 254S1, ist die Sache entschieden — unabhängig von Spoilern, Felgen und Plakette. Eine Einschränkung gehört dazu: Der Evolution von 1987 leistet 200 PS wie ein Serien-M3 ohne Katalysator und trägt dieselbe Kennung 234EA. Bei ihm hilft der Motor nicht weiter — dort entscheiden die weiße Sauganlage mit Motorsportstreifen und die Karosseriemerkmale.
Im Motorraum
Der S14B25 mit 2.467 cm³ leistet 175 kW (238 PS). Der Ventildeckel trägt schwarzen Schrumpflack — beim Evolution war die Sauganlage weiß mit Motorsportstreifen, beim Cecotto in Wagenfarbe matt. Das auffälligste Zeichen sind die vier roten Zündkerzenstecker. Und ein Detail, das kaum jemand kennt: Zwischen Motorhaube und Kotflügeln sitzen eingeklebte Gummidichtungen, die den Spalt schließen und die Umströmung verbessern.
An den Rädern
7½J×16 ET27, BBS-Kreuzspeiche, Teilenummer 36112226804. Der Felgenstern ist in Nogarosilber (243) lackiert — nicht silber wie beim Evolution, nicht schwarz wie beim Cecotto.
An der Karosserie
Vorn und hinten verstellbare Zusatzspoiler, höher ausgeschnittene Kotflügel, Bremsenkühlung in der vorderen Stoßstange — und leichtere Verglasung: hintere Seitenscheiben und Heckscheibe messen 3 mm statt 5 mm.



Im Cockpit
Ein Merkmal, das auf jedem Foto zu sehen ist und trotzdem selten genannt wird: Die Tankanzeige trägt Zahlen statt Strichen — Markierungen bei 20, 30, 40, 50 und 60 Litern, bei 63 Litern Tankinhalt. Abzulesen statt zu schätzen. Rechts daneben sitzt die Kühlmitteltemperatur, die Öltemperatur steckt im Drehzahlmesser.
Im Innenraum
Extrem ausgeformte Sportsitze — nicht der Recaro des Cecotto —, dazu eigene Sitzkonsolen mit zusätzlicher Höhenverstellung. Rote Sicherheitsgurte, M-Technik-II-Lenkrad, Schaltknauf und Handbremshebel in Wildleder. Ab Werk gab es Stoff Anthrazit 0316, auf Wunsch schwarzes Nappa-Leder. Der blaue Wagen ist ein Lederfahrzeug, gehört also zu den 280.



Kein Unterscheidungsmerkmal ist dagegen die M-Technic-Fahrerfußstütze: Die hatten Evolution, Cecotto und Sport Evolution gleichermaßen. Wer sie sieht, weiß nur, dass kein Serien-M3 vor ihm steht.
Was Originalität heute bedeutet
Ein nachlackiertes Auto gilt in Sammlerkreisen als Abschlag. Dieser Fall zeigt, dass die Regel Ausnahmen kennt: Die Lackierung geschah vor der Auslieferung an den Erstbesitzer, auf dessen Wunsch, durch den Händler, auf einer fabrikneuen Karosserie — und sie ist dokumentiert. Das ist etwas anderes als eine Umlackierung im dritten Besitz.
Entscheidend bleibt die Papierlage. Ohne die beiliegende Dokumentation wäre AC79200 ein Fahrzeug mit einer schönen Erzählung und einem Farbton, der im Datenblatt nicht vorkommt — also genau das Muster, vor dem jeder Kaufinteressent zurückschreckt. Mit ihr ist es ein belegter Sonderfall.
Wer einen Sport Evolution prüft, sollte deshalb in dieser Reihenfolge vorgehen: Motorkennung, dann Fahrgestellnummer und Produktionsdatenblatt, dann die übrigen Merkmale am Fahrzeug — und erst ganz zum Schluss der Lack.
Was offen bleibt
- Die Farbe der beiden Sonderlackierungen AC79566 und AC79578. „U 490″ nennt keine.
- Die Sonderpolsterung von AC79588 und AC79589 — Teilleder oder Recaro?
- Polstercode 0393. Der Werksprospekt nennt für das Leder 0353, das Datenblatt von AC79566 dagegen 0393. Ob 0393 die reguläre Lederausstattung bezeichnet oder zu diesem Einzelfahrzeug gehört, ist ungeklärt.
Wer Produktionsdatenblätter weiterer Lederfahrzeuge einsehen kann, entscheidet die letzte Frage mit einem Blick. Hinweise nehmen wir gern entgegen.
Alle Aufnahmen des Fahrzeugs






































Quellen
- Produktionsunterlagen BMW zum M3 Sport Evolution (Lack-, Polster- und Ländersplit)
- Vier Produktionsdatenblätter aus dem BMW-Händlersystem, abgefragt im April 2004: AC79566, AC79578, AC79588, AC79589
- Werksprospekt BMW M3 Sport Evolution
- RealOEM, Baugruppen 36 und 52, Fahrzeug E30 M3
- Fahrzeugbeschreibung AC79200, MOTORSPORT24
- Technische Daten S14B25: 2.467 cm³, 175 kW (238 PS)
Weiterführend auf s14.de
- Woran man einen Sport Evolution von innen erkennt
- Die Farben der Sondermodelle: BMW M3 E30
- Vier sticht sechs: Warum der M3 E30 keinen Sechszylinder bekam
- Gruppe A: Wie der M3 E30 die Tourenwagen-Ära prägte
- M3 E30 gegen 190E Evo II: Wer gewann das DTM-Duell?
- Modellseite: BMW M3 Sport Evolution (E30)
- Modellseite: BMW M3 (E30)
Bildnachweise
- Eigenes Foto · MOTORSPORT24






























